RICARDO AZEVEDO
Der Mann, der nicht
lesen konnte
Aus
dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner
Ein Junge begegnete auf der Straße
einem Mann, der auf dem Bürgersteig saß.
Der Junge war auf dem Heimweg von der
Schule. Der Mann ruhte sich nach einem harten Arbeitstag aus.
„Entschuldigung, wie spät ist es?“,
fragte der Junge.
Der Mann erwiderte, er habe keine Uhr,
und um die Wahrheit zu sagen, könne er auch keine Uhr lesen. Das verstand der
Junge nicht. Der Mann erklärte es ihm:
„Ich verstehe nicht, wozu dieser große
und dieser kleine Zeiger da sind. Sie drehen und drehen und drehen sich, und
das ist auch schon alles, was ich weiß.“
„Aber das ist doch ganz einfach!“,
wunderte sich der Junge. „Der kleine Zeiger zeigt die Stunden an und der große
die Minuten. Zum Beispiel: Wenn der Kleine auf der Zehn steht und der Große auf
der Fünf, dann heißt das, dass es fünf nach zehn ist.“
Der Mann zuckte mit den Schultern.
„Aber welches ist die Zehn und welches
ist die Fünf? Ich komme immer durcheinander mit den Zahlen.“
Der Mann war alt genug, um der Vater
des Jungen zu sein.
„Können Sie denn keine Zahlen lesen?“
„Weder Zahlen noch Buchstaben.“
„Sie können nicht lesen?“
„Weder lesen noch schreiben.“
Der Junge beäugte den Mann, der da vor
ihm auf dem Bürgersteig saß.
„Manchmal“, erzählte er, „sehe ich mir
auf der Straße die Plakate an und frage mich, was wohl darauf geschrieben
steht. Oder ich stehe vor einem Zeitungsstand und betrachte die Zeitschriften und
Zeitungen. So gern würde ich die Nachrichten lesen können; verstehen, was auf
der Welt vor sich geht; die Straßenschilder lesen können; verstehen, was auf
den Verpackungen steht; die Aufschriften auf den Bussen lesen und wissen, wohin
sie fahren... “
Der Mann seufzte.
„Manchmal schäme ich mich!“, gestand
er. „Ich muss die Leute immer alles fragen. Ständig fühle ich mich außen vor.
So gern würde ich mich unter einen Baum setzen, ein Buch aufschlagen und eine
Geschichte lesen!“
Ein Mann in einem Mantel eilte in einer
Zeitung lesend vorbei. Am Zeitungstand auf dem Platz las ein Mädchen in einem
Heft. Ein junger Mann parkte sein Motorrad und zog einen Stadtplan aus dem
Rucksack, um nach einer Straße zu suchen.
„Ich bin nicht von hier“, erklärte der
Mann. „Die Stadt, aus der ich komme, ist weit weg, hinter dem Gebirge, man muss
die Eisenbahn nehmen, über das nächste Gebirge und dann über noch eins, sie
liegt in der Nähe vom Meer. Mit dem Bus ist man ungefähr drei Tage unterwegs.“
Und seine Augen schimmerten traurig.
„Gerade eben noch habe ich an zu Hause
gedacht, an meine Mutter, meinen Vater, meine Geschwister, die Leute dort... “
Der Junge suchte sich einen Platz zum
Hinsetzen.
„Und du?“, wollte der Mann wissen und
musterte den Jungen. „Kannst du schreiben?“
Dem Jungen schwoll die Brust:
„Ich bin schon fast in der dritten
Klasse!“
Der andere lächelte:
„Ich habe eine Braut, dort wo ich
herkomme. Sie sieht aus wie eine Prinzessin. Das schönste Wesen auf der ganzen
Welt. Eines Tages werden wir heiraten... “
Der Mann hatte eine Idee. Er bat den
Jungen:
„Kannst du einen Brief für mich
schreiben?“
Der Junge nickte und holte ein Heft und
einen Kugelschreiber aus dem Rucksack.
Der Mann richtete sich auf. Er dachte
einen Augenblick nach. Ein lauwarmer Wind wehte. Der Mann erzählte davon, dass
die große Stadt voller Qualm und hupender Autos war. Und dass er sich einsam
fühlte. Dass er manchmal Angst hatte, dass er viel arbeitete, nur wenig
verdiente und dass in der Stadt alles zu teuer war. Er fragte, wie es dem Vater
ging, der Mutter, den Geschwistern. Er fragte danach, ob es regnete. Ob die Kuh
Lindóia schon gekalbt hatte. Und ob es Jandira gut ging.
Der Junge schrieb und schrieb.
Der Mann redete weiter. Er erzählte, er
habe ein Zimmer in einer Pension gemietet und wohne dort mit drei anderen
zusammen, und dass er einmal umsteigen müsse, um zur Arbeit zu kommen. Er
versprach, etwas Geld beiseite zu legen. Zum Schluss ließ er ausrichten, er
sterbe vor Sehnsucht und dass er Ende des Jahres, so Gott wolle, den Bus nehmen
und nach Hause kommen würde.
Der Junge schrieb alles in Schönschrift
auf, faltete das Papier und gab es dem Mann.
Inzwischen war es Abend geworden. Der
Junge musste gehen.
Ein Licht erschien am Himmel, ohne dass
jemand es bemerkte.
Der Mann drückte dem Jungen die Hand.
(Conto „O homem que não sabia nem ler“ do livro Se eu fosse aquilo. São
Paulo, Ática, 2002)