RICARDO AZEVEDO
Der andersartige Weise –
Die Geschichte vom Mann,
der Fürze studierte / 2. Kapitel
Aus
dem brasilianischen Portugiesisch von Nicolai von Schweder-Schreiner
Wissenschaftliche
Forschungsarbeiten kosten leider viel Geld. Um auf seinem Gebiet auf dem
neuesten Stand zu bleiben, sah sich der andersartige alte Weise gezwungen,
viele, viele Bücher zu kaufen, darunter sogar einige importierte. Außerdem
musste er Briefe, Päckchen und Schachteln mit Proben verschicken und darüber
hinaus aus eigener Tasche ein komplett eingerichtetes Labor mit komplizierten
und teuren Präzisionsgeräten unterhalten: ein Pupsometer und ein Furzometer, um
Fürze zu messen; ein Furzoskop, um Fürze aus der Nähe zu betrachten; ein Furzglas,
um Fürze aus der Ferne zu betrachten; ein automatischer Furzsortierer; eine
luftdruckbetriebene Furzteilchensprengkapsel; ein Geruchskatalogisierer, ein
Furzdichtenklassifizierer; spezielles Verpackungsmaterial; furzfördernde Gele
sowie eine kleine Kühlkammer, um die gesammelten Gase in perfektem Zustand zu
erhalten. Ganz zu schweigen von den diversen chemischen Substanzen, seltenen
Kräutern, Tees, maßgefertigten Plastiktütchen, Karteikästen für die
Aufzeichnungen und sogar einer Waage.
„Aber woher wissen Sie, dass Dona
Conceiçãos Furz schwerer ist als meiner“, fragte eines Tages verblüfft der
Vikar, der sich aus Barmherzigkeit bereit erklärt hatte, an jenen lächerlichen
Versuchen teilzunehmen.
„Das ist elementarstes Grundwissen,
lieber Pater!“, antwortete der andersartige Weise mit einem wissenden Lächeln
auf den Lippen. „Zuerst einmal habe ich zwei gleich große leere Plastiktütchen
genommen und sie gewogen. Dann habe ich die Gase eingefangen, in die Tütchen
gefüllt und schließlich die gefüllten Tütchen gewogen. Die jeweilige Differenz
zwischen dem Gewicht des vollen und des leeren Tütchens ist das exakte, genaue,
präzise, eigentliche und einzige Gewicht des Furzes.“
Manche Leute brachen in Gelächter aus,
wenn sie die Erklärungen des alten Weisen hörten. Andere schüttelten voller
Sorge den Kopf.
Wenn er wieder einmal Geld brauchte, um
seine Studien weiter finanzieren zu können, veranstaltete der andersartige
Weise samstagnachmittags auf dem Platz ein, wie er es nannte,
„Volksfurzfestival“. Er spannte zwischen zwei Bäumen ein Seil, hängte ein
riesiges weißes Laken daran auf und setzte sich mit dem Rücken zum Laken auf
einen Hocker. Das Stück Stoff diente als eine Art Vorhang, der nichts von gar
nichts trennte.
Vor sich auf den Boden stellte der Erforscher
der Gase seinen Hut.
Es war beeindruckend.
Freiwillig blieben die Leute lächelnd
mit dem Rücken zum Laken gewandt stehen und furzten nach Herzenslust.
Auf der anderen Seite saß mit
geschlossenen Augen und hoch konzentriertem, aber auch freudigem
Gesichtsausdruck der Weise, nahm den klangvollen Duft auf und riet, von was für
einer Art von Mensch er wohl stammte: ob Mann oder Frau; verheiratet,
geschieden, verwitwet oder allein stehend; Erwachsener oder Kind; dick oder
dünn; einheimisch oder Ausländer; fleißig oder faul; ob die Person zur Miete
wohnte oder ein eigenes Haus hatte; zu viel oder zu wenig trank; gut oder
schlecht gelaunt war; ob sie etwas für Musik übrig hatte und dergleichen mehr.
Und der alte andersartige Forscher,
keiner wusste warum, lag fast immer richtig.
Eines Tages tat sich der reichste Mann
der Stadt zum Spaß mit dem Bettler zusammen, der mit seinem Hund unter der
Brücke wohnte. Die beiden saßen Hand in Hand hinter dem Laken, strengten sich
an und ließen gleichzeitig ihre Flatulenzen ab.
Auf der anderen Seite des Lakens blähte
der andersartige Weise die Nasenflügel auf, presste die Augen zusammen und
gestand nach einer Weile verwirrt und unter lautem Gelächter:
„Das war der merkwürdigste Furz, den
ich in meinem ganzen Leben gerochen habe. Er scheint mir von jemandem zu
stammen, der gleichzeitig reich und arm ist!“
Er kratzte sich den weißen Kopf.
„Vielleicht ein armer Schlucker, der
gerade im Lotto gewonnen hat. Oder ein Bankdirektor, der genau in diesem
Augenblick alles verloren hat!“
Obwohl die Leute applaudierten und
Münzen in den Hut des alten Weisen warfen, hielten sie das Ganze weiterhin für
blanken Unsinn.
Eines Tages beschloss der Alte,
bestimmte Aspekte der Darmgase beim Rind genauer untersuchen zu müssen.
Er machte sich auf den Weg zu einem
nahe der Stadt gelegenen Bauernhof, bat um Erlaubnis, ging mit seinem
Spezialpräparat in den Stall und befestigte, während das Vieh, ein riesiger
Stier, fraß, vorsichtig das Tütchen unter seinem Schwanz.
Nachdem sich der Stier den Wanst voll
geschlagen hatte, atmete er tief durch und ließ einen so kräftigen Furz los,
dass die Tüte platzte.
Der alte Forscher war jedoch nicht so
schnell aus der Ruhe zu bringen. Lächelnd öffnete er seinen Koffer und holte
ein neues Tütchen heraus, diesmal aus importiertem, doppelt verstärktem
Plastik.
Niemand weiß genau, was dann geschah.
Es muss wohl so gewesen sein, dass der
Stier, der vielleicht verärgert war und keine Lust hatte, das Experiment zu
wiederholen, dem armen Forscher einen Hornstoß und diverse Huftritte verpasste,
weswegen dieser seitdem einen leichten Buckel hatte und ein Bein nachzog.
Seine Freunde kamen ihn im Krankenhaus
besuchen, sie waren besorgt und voller guter Ratschläge:
„Vielleicht solltest du diese
Geschichte mit den Fürzen besser sein lassen!“
„Hör auf, dein Leben aufs Spiel zu
setzen!“
„Außerdem führen diese Untersuchungen
ja doch zu nichts!“
Der alte Wissenschaftler lächelte und
schüttelte den Kopf, ohne ja oder nein zu sagen.
In seinem Herzen jedoch erhob sich eine
Stimme zu einem einzigen leuchtenden Ja.
Ja, er würde weitermachen. Ja, er würde
immer tiefer in die Materie eindringen. Ja, er war sich fast sicher, eines
Tages würde er die Furzologie beherrschen. Dann würde er alles darüber wissen
und endlich eine vollständige Klassifizierung und Darstellung jedes Darmgases
haben, das es auf der Welt gab.
„Erst wenn ich die Gase aller Lebewesen
erforscht habe“, so versicherte er, „wird es mir möglich sein, den tieferen
Sinn des Furzes zu verstehen!“
Und der Alte malte sich
dreihundertdreiunddreißigtausenddreihundertdreiunddreißigkommadrei Fragen aus.
Warum zum Beispiel traten bei zwei
Brüdern, die dieselben Eltern hatten, im selben Haus aufwuchsen, mit derselben
Erziehung und derselben Ernährung, so unterschiedliche Gase auf? Warum haben
Erwachsene und Kinder mehr oder weniger dieselbe Art von Gasen? Warum sind die
Gase eines glücklichen Menschen anders als die eines Traurigen? Warum ähneln
die eines Verliebten denen eines Träumers? Warum sind die eines stolzen
Menschen anders als die eines großzügigen? Warum haben einsame Menschen andere
Gase als die, die jede Menge Freunde haben? Warum sind sie bei Menschen, die
schreiben können, prinzipiell ähnlich wie bei Analphabeten, in einigen Punkten
aber vollkommen unterschiedlich? Warum furzen begeisterte und lebensvolle
Menschen so anders als die freudlosen, hoffnungslosen, die sich ständig über
alles und jeden beklagen? Warum lassen Musiker so fein gestimmte Fürze? Und vor
allem: Wie sollte er all diese Entdeckungen zusammenbringen?
Das waren äußerst wichtige Fragen, auf
die er noch keine befriedigende wissenschaftliche Antwort gefunden hatte, und
diese Leute im Krankenhaus hatten die Stirn, ihm zu sagen, er solle seine
Studien aufgeben!
Die Augen des Mannes, der im Pyjama im
Krankenbett lag, leuchteten wie zwei Scheinwerfer.
„Zum Beispiel“, erklärte er seinen
Freunden und Besuchern. „Nehmen wir einmal an, ich fände heraus, warum
intelligente Menschen andere Gase abgeben als dumme. Ausgehend davon ließe sich
vielleicht eine Methode entwickeln, über die Ernährung und durch spezielle
Übungen die Gase der Dummen nach und nach so zu verändern, dass sie irgendwann
denen der Intelligenten gleichen.“
Ein unruhiges Lächeln ging über sein
Gesicht.
„Versteht ihr, was das bedeutet? Das
ist revolutionär! Indem ich ihre Fürze untersuche, werde ich nicht denkende
Menschen zu denkenden Menschen machen und so das Leben der Menschen und die
ganze Welt verbessern!“
Die Besucher am Bettrand schüttelten
mitleidig den Kopf und fragten:
„Das Leben der Menschen und die ganze
Welt verbessern?“
„Aber ja!“, versicherte der Alte
freudig. „Die Welt ist so traurig: Menschen leiden Hunger, während andere
zuviel essen; es gibt Menschen, die nichts haben, während andere soviel haben,
dass sie sich gar nicht an alles erinnern können; Menschen, die keine Schuhe
zum Laufen haben, während andere ein eigenes Flugzeug besitzen!“
„Na und?“
„Na und? Die Ursache für all dies ist
einzig und allein Dummheit!“
„Wie das?“, fragten die Freunde
gelangweilt.
„Eine Welt, in der einige wenige alles
haben und viele nichts, ist dumm und verkehrt. Wenn die Reichen sehr viel
weniger hätten und der Rest der Bevölkerung sehr viel mehr, dann wären einfach
alle, Reiche wie Arme, glücklicher!“
Sogar die Krankenschwestern, die alle
Arten von Krankheiten gewohnt waren, hatten Mitleid mit dem hinkenden,
buckeligen Alten, der von seinem Bett aus politische Reden hielt.
„Ich gebe euch ein anderes Beispiel“,
sagte er. „Ein Land, das seine Kinder betteln gehen lässt, ist ein dummes Land.
Jedes Kind stellt einen Samen dar: den Samen des Neuen, dessen, an das noch
niemand gedacht hat. Ein verwahrlostes Kind kann, wenn man sich seiner annimmt,
später einmal eine Entdeckung machen, die unser aller Leben verbessert!“
„Aber wie wollen Sie all das
erreichen?“
„Das ist der Punkt!“, erwiderte der
Alte lächelnd und rieb sich voller Zweifel und Hoffnungen die Hände.
Kaum war er aus dem Krankenhaus
entlassen, atmete der andersartige Weise tief durch, krempelte die Ärmel hoch
und nahm seine Studien wieder auf.
Obgleich er mehrere Stiche davontrug,
gelang es ihm, die Gase von Wespen, Vogelspinnen, Skorpionen und Tausendfüßlern
zu katalogisieren.
Auch die von Krokodilen und
verschiedener Arten von Piranhas fing er ein und wäre dabei fast ertrunken.
Bei dem Gedanken an das Experiment mit
dem Stier musste er lachen, hielt es dann aber im Zweifelsfalle für klüger, die
Seekuh auf ein andermal zu verschieben.
Fast wäre er gestorben, als er den Furz
eines Elefanten einfangen wollte, der im Zoo in Gefangenschaft lebte. Nachdem
das Tier sein Spezialpräparat gefressen hatte, nahm es all seine Kräfte
zusammen und ließ mit einem lauten Knall ein Torpedo los, dass es den Alten auf
das Dach des Hauses gegenüber beförderte.
Mit der Zeit entwickelte der
andersartige Weise eine bessere und effizientere Methode, die Flatulenzen
einzufangen. Anstatt des veralteten, überholten und gefährlichen Befestigens
von Plastiktütchen erfand er eine neuartige Tablette, die die Darmgase
phosphoreszieren ließ. Hatte das Tier eine solche Pille geschluckt, hüpften die
Gase wie Feuerwerkskörper durch die Luft. Und wenn sie dann wie in Zeitlupe
umher trieben, konnte man sie mühelos mit Hilfe eines kleinen Staubsaugers
einsammeln und in die Tüte füllen.
Je mehr Dinge er herausfand, desto
glücklicher wurde der andersartige Weise.
Er fand heraus, dass Tiere, die im Wald
leben, mildere Gase ausstießen als die in der Stadt.
Er fand heraus, dass die Gase von
Indios und so genannten „zivilisierten“ Menschen überraschende Ähnlichkeiten
und Unterschiede aufweisen.
Er fand heraus, dass ein Mensch an ein
und demselben Tag, abhängig von einer Reihe von Faktoren, verschiedene Arten
von Gasen ausstoßen kann.
Der alte Wissenschaftler lächelte über
jede neue Entdeckung.
Und so lernte er, indem er hier
schnüffelte, da forschte und dort analysierte und verglich, nach und nach die
verschiedenen Nuancen und Kniffe, die Erscheinungsformen, Konturen, Bedeutungen
und allgemeinen Charakteristiken dieser komplizierten und unbekannten
geruchvollen Wissenschaft der Furzologie kennen und verstehen.
(O sábio ao
contrário. São Paulo, Ática/Senac, 2001)