RICARDO AZEVEDO
Lúcios
Verwandlung / 32. Kapitel
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von
Nicolai von Schweder-Schreiner
Am
nächsten Tag, nach dem Mittagessen, lief ich entschlossen durch die Küchentür
bis ins Wohnzimmer. Alzira saß auf dem Sofa und sah auf ihre Hände. Ich
erinnere mich, dass der Fernseher lief und dass Der goldene Esel auf dem
Nachtisch in der Ecke lag. Ich bellte, um auf mich aufmerksam zu machen. Mit
der Schnauze schaltete ich den Fernseher aus, zerrte einen Stuhl heran, sprang
auf den Stuhl, schnappte mir das Buch auf dem Tisch, sprang mit dem Buch
zwischen den Zähnen wieder hinunter, schlug es auf und begann, unverhohlen
darin zu lesen.
Alzira kniete sich vor mich hin. Ich
erinnere mich, wie sie mich an den Schultern fasste. Ich erinnere mich an ihre
feuchten Augen, die versuchten, in meine einzudringen. Ich leckte ihr die Nase,
leckte ihre Tränen weg und wedelte mit dem Schwanz.
Dann nahm mich Alzira mit in ihr
Zimmer. Sie legte mich aufs Bett und setzte sich vor mich hin. Anhand von
Gesten gab sie mir zu verstehen, ich solle ihr zuhören. Mit Hilfe ihrer Hände
erklärte sie mir, dass sie früher, vor längerer Zeit, sehr unglücklich gewesen
war. Sie machte ein trauriges Gesicht und tat so, als kullerten ihr die Tränen
vom Gesicht. Dann, alles mit den Händen, erwähnte sie eine Person. Ihren
Freund, wie es schien. Alzira schloss die Augen. Sie lächelte träumerisch.
Streichelte sich über die Brust. Gab Küsschen in die Luft. Zeigte, wie froh sie
war. Ihr Geliebter war wie ein Licht in ihrem Leben gewesen. Der verzauberte
Prinz. Die Erlösung, auf die sie gewartet hatte. Und Alzira versuchte, immer
mit Hilfe von Gesten, von ihrer Liebe zu erzählen. Sie beschrieb, wie sie beide
zusammen gewesen waren, die Umarmungen, die Zärtlichkeit. Die Zeit verging. Sie
machte ein besorgtes Gesicht. Zeigte auf ihren Bauch. Deutete an, dass sie
schwanger geworden war. Ihre Verzweiflung zum Ausdruck bringend, lief sie
durchs Zimmer. Sie hielt sich den Hals, als ersticke sie. Ich lag auf dem Bett
und verfolgte ihre Geschichte, die sie ohne ein einziges Wort erzählte. Alzira
schwoll die Brust, als hätte sie eine wichtige Entscheidung getroffen. Sie
hatte beschlossen, ihren Vater aufzusuchen. Das war ein bedauerlicher Fehler
gewesen, wie man ihrer Grimasse entnehmen konnte. Der Vater war anscheinend
fuchsteufelswild geworden. Er schlug seine Tochter. Beschimpfte sie. Trat sie.
Er wollte sie augenblicklich zum Arzt bringen, damit sie das Kind abtrieb.
Alzira lief durchs Zimmer. Sie legte die Hände auf den Unterleib, wie um ihn zu
schützen. Auf keinen Fall wollte sie das Kind abtreiben lassen. Sie erzählte,
dass sie weggelaufen war, um ihren Freund zu suchen. Dass er erschrak, als er
erfuhr, dass sie schwanger war. Er fand, dass alles ihre Schuld sei und dass
sie das Kind nicht behalten konnte. Wenn ich es richtig verstanden habe, wurden
sie am Ende sogar handgreiflich. In ihrer Ratlosigkeit rannte sie schließlich
wie eine Verrückte davon, überquerte die Straße, wurde von einem Auto erfasst
und verlor das Kind.
Ich erinnere mich an die Tränen, die
mir über die Schnauze liefen.
Alzira setzte sich auf den Fußboden.
Sie sah mich an, öffnete den Mund und zeigte mit dem Finger darauf. Seitdem, so
gab sie mir zu verstehen, hatte sie nie wieder ein Wort sprechen können.
Alziras
Geschichte, lieber Leser, hat mich tief berührt. In jener Nacht konnte ich kaum
schlafen. Gedanken, Erinnerungen und Gefühle überkamen mich wie ein Schwarm
Wespen, die um meinen Kopf herum summten und auf mich einstachen.
Am nächsten Morgen kam Alzira herunter,
deckte den Tisch, frühstückte mit ihrem Vater und ging in die Schule, ohne mich
eines Blickes zu würdigen. Seltsam, dachte ich.
Am Nachmittag dasselbe. Und am nächsten
Tag auch. Alzira fing an, mich zu meiden. Sie tat so, als würde ich gar nicht
existieren, als wäre nichts zwischen uns gewesen. Ich verstand nicht, was los
war, bis zu dem Tag, an dem ich im Garten saß und sah, wie sie mich von ihrem
Fenster aus betrachtete. Ihr Gesichtsausdruck war angespannt. Die Augen voller
Angst, eine Mischung aus Beklemmung, Panik und Entsetzen. Es bestand kein
Zweifel, lieber Leser. Meine Freundin hatte das Gefühl, verrückt zu werden.
Obwohl ich traurig war, konnte ich sie
verstehen. Es war nichts gegen mich, ich hatte ja auch niemandem etwas getan,
aber die Tatsache, dass ich ein Hund war und gleichzeitig die Dinge tat, die
ich tat, muss schon sehr verstörend gewesen sein. Meine arme Freundin konnte
nicht damit umgehen, dass dieser Hund, nämlich ich, gleichzeitig bellte, mit
dem Schwanz wedelte und lesen konnte.
Von da an, lieber Leser, blieb ich morgens,
wenn Alzira in der Schule war, wieder allein in meiner Ecke, hinter einem
Strauch in der Nähe der Waschküche, und dachte nach.
Während meiner gesamten Reise, seit
meiner unsäglichen Verwandlung, hatte ich niemanden wie Alzira getroffen,
niemanden, bei dem ich tatsächlich soviel Vertrautheit und Übereinstimmung
gefunden hätte. Ganz ungewollt hatte ich eine Verbindung zu diesem Mädchen
aufgebaut. Ich hatte ihr Vertrauen gewonnen. Ich hatte gelernt, sie zu
akzeptieren und zu mögen. Ich hatte mehr oder minder gelernt, ihre Probleme zu
verstehen und sie nicht länger als eine Erscheinung oder eine idealisierte
Figur zu betrachten, sondern als realen Menschen, mit Stärken und Schwächen,
der seinen Weg in der Welt ging. Ich empfand Freundschaft für Alzira. Ich fand,
dass sie etwas Besonderes war. Ich wünschte ihr von ganzem Herzen, das schwöre
ich, unabhängig von allem anderen, dass sie eines Tages glücklich würde.
Für sie, da hatte ich keine Zweifel,
war ich inzwischen auch schon zu so etwas wie einem Freund geworden, und genau
das war der Punkt. Alzira war zu jenem Zeitpunkt der einzige Mensch, dem ich
vertrauen konnte. Sie allein konnte vielleicht das Interesse und die Geduld
aufbringen, mir zuzuhören und mich ernst zu nehmen. Sie allein war vielleicht
in der Lage, die ungewöhnliche und unerklärliche Situation zu verstehen, in der
ich mich befand. Nur sie, dachte ich, konnte mir dabei helfen, nach Silveiras
zu kommen und - wie, wusste ich nicht - einen Weg zu finden, mich aus meiner
misslichen Lage zu befreien.
Zum ersten Mal, lieber Leser, seit dem
bedauerlichen Unfall in Tante Vandas Garten, verspürte ich wirklich den Drang,
sprechen zu wollen.
Also versuchte ich es. Zuerst dachte
ich mir einen kurzen Satz aus. Dann fing ich an zu üben. Jeden Tag, bei Regen
und Sonne, bei Kälte und Hitze, tagsüber und sogar nachts, wenn es dunkel war,
verbrachte ich Stunden damit, ihn auszusprechen.
Mund, Hals und Zunge eines Hundes – ich
weiß, wovon ich rede, das könnt ihr mir glauben – sind zu allem gemacht, nur
nicht zum Sprechen. Allein das Wort Alzira zum Beispiel. Da ich zur Spezies
Hund gehörte, fiel es mir relativ leicht, den Laut Al auszusprechen. Dagegen
schmerzte mein Mund bei dem vergeblichen Versuch, zi oder ra zu sagen.
Ich übte und übte und übte wie verzweifelt.
Und wenn ich vollkommen erschöpft war, lieber Leser, und schon Krämpfe in Mund
und Hals hatte, übte ich immer noch weiter.
Im Gebüsch versteckt, wie ein
Einzelkämpfer, arbeitete ich wochenlang an meiner Aussprache, mit einer
Disziplin, als kämpfte ich um mein Leben.
Eines Tages betrat ich das Haus, lief
die Treppe hoch und kratzte an Alziras Tür. Ich erinnere mich, wie sie mich mit
verschlafenem Gesicht hinein ließ. Ich erinnere mich, wie ich aufs Bett sprang.
Ich erinnere mich, wie sie mich ansah. Ich erinnere mich, wie ich stammelte:
„Alzira, hilf mir!“
(trecho
do livro Lúcio vira bicho. São Paulo, Cia das Letras, 1998)